Romkerhall
Geschichte der Königlich- Hannoveranischen- Kammergut- Staatsdomäne Romkerhall

Auszug aus dem Reisebericht des August Ey um 1855

Aus: "Harzbuch oder der Geleitsmann durch den Harz" mit 24 Stahlstichen u. Harzkarte; Goslar 1855, Zweite vermehrte und verbesserte Auflage; Verlag von Ed. Brückner.


Der nun folgende Bericht, ergänzt mit Abbildungen zeitgenössicher Stahlstiche, wurde 1855 von August Ey verfasst. Der Jagdsitz, sowie der, durch die  umgeleitetete "Kleine Romke", entsatndenen Romkerhaller Wasserfall existiert zu diesem Zeitpunkt noch nicht:


"Nach N.W. hin geht unser Weg dem Ahrensberger Forsthause zu und zieht sich auf dem Rücken des Berges fort nach den Ahrensberger Klippe. (Nicht ohne Führer!) Ohne zu ahnen, wie hoch man sich befindet, sieht man da auf einem Felsabhange, der an Schönheit und Mächtigkeit des Eindrucks der Roßtrappe des Unterharzes nicht viel nachgiebt, aber leider von Reisenden nicht so oft besucht wird, als es die Aussicht und die Erhabenheit dieses Platzes verdient. Vor uns liegt in senkrechter Tiefe das schöne Okerthal, rechts mit dem wunderbar felsig gestalteten und theils bewaldeten Berg Ziegenrücken, wo die Felsen colossalen  Trümmern von Bergfestungen und Schlössern gleichen.


The Okerthal Harz


Ein freundlicher Gruß kommt darüber her vom Brockengebirge und vielen Harzbergen. Unten braust, einer riesiegen Silberschlange ähnlich, die Oker in langgedehnten Windungen schäumend über Felsenmassen dahin. Links reihen sich teils kahle, teils tannenbewaldete Berge an einander und hart zwischen dem Flusse und dem Berge schmiegt sich die schmale, aber sichere Chaussee nach der Okerhütte. Im Thale erscheinen Wagen, Leute und Pferde so winzig und klein, als gehörten sie dem Zwergebgeschlechte an. Weiter abwärts erheben sich dann aus dem Thalgrunde riesiege, alleinstehende, aber dem Einsturz drohende Granitmassen, und am Eingange des Thales liegen die freundlichen Okerhütten mit ihren roten Ziegeldächern. In weitester Ferne thut sich uns die Aussicht über viele Ortschaften, lachende Hügel und Felder, über Flüsse und Wälder bis in die Gegend nach Wolfenbüttel und Braunschweig auf. Ein überwältigender Eindruck!


Partie im Okertal im Harz


Von der Ahrensberger Klippe führen zwei Wege ins Okerthal. Der erste und bequemste durch das Windschützenthal über die Langethalsbrücke (bei dieser kreuzen sich die Chausseen nach Oker, Altenau und Zellerfeld; auch führt von hier ein beschwerlicher und alter Fahrweg über den Ahrendsberg nach Harzburg, jedoch nicht ohne Führer zu passieren); der zweite unbequemere Weg führt uns durch den Jägerstieg, das Rohmketal und bei der Rohmkerbrücke ins Okerthal. Wählen wir den ersten bequemeren Weg und gehen dann, haben wir die Langethalsbrücke passiert, im Okerthal hinunter.


Eingang in's Okerthal


Dieses schöne Thal ist zu Roß und zu Wagen zu bereisen; am besten thut man aber, um den rechten genuß und keine Gefahr zu haben, man pilgert auf eigenen Füße durch dasselbe, und sieht das in der Nähe an, was man von der Ahrensberger Klippe gleichsam aus der Vogelperspektive betrachtete. Wie der kleine Harz fast alle Mineralien in seinem Inneren birgt, so umfaßt das prächtige Okerthal fast alles, was man eine Gebirgsschönheit nennt. Auf der einen Seite abwechselnd grünende und blühende Bergalben, auf der andern zackige zum Himmel emporstrebende Felstürme; hier graue, dem Einsturz drohende Granitmassen; hier lachende und liebliche Fernsichten, dort dunkle und schaurige Bergschluchten; hier winziges kleines Moos und Gras, dort die kräftige und majestätische Kieferntanne; hier der schmale, einförmige, am Berge sich hinschlängelnde Fahrweg, dort unten im Thale die hüpfende und plätschernde Oker; hier die jüngeren, hellen und glatten Grauwackenmauern, dort die ewigen, rissigen und klippigen Granitweltrippen. Abwechslung und Einförmigkeit, Ueppigkeit und Oede, Winziges und Großartiges, Einladendes und Abstoßendes: - Alle 100 Schritte neue Ansichten, neue Sehenswürdigkeiten, neue Merkwürdigkeiten!


Bridge at the Entrance of the Oker Thal

 

Setzen wir nun unsere Wanderung fort. Eine kurze Strecke von der Langenthalsbrücke abwärts, der vom Herzog Julius, welcher hier im 16. Jahrhundert zum Holzflößen ein Wehr anlegen ließ, seinen Namen erhielt. Hier eine schöne Aussicht thalauf- und abwärts! In ¼ Stunde kommen wir zur Birkenburg, auf welcher früher ein Einsiedler wohnte, von dessen Clause die letzten Reste noch sichtbar sind; unter derselben noch Theile alter Teichdämme. Einige Schritte von der Birkenburg den Berg entlang und thalabwärts liegt vor uns ein großartiges malerisches Bild: Rechts zuerst die eben verlassene Birkenburg, jenseits der Oker der schöne Ahrendsberg mit seinen Klippen, die der schönen grünen Waldung wegen kaum zu sehen sind; links der Eichenberg mit den Rabenklippen, eine mächtige Felswand, welche sich hoch den Berg hinanzieht; mitten die schäumende Oker und die sich daneben hinschlängelnde Oker-Chaussee. Vor einigen Jahren brannte das ganze Gehölz des Eichenberges ab, wodurch die Rabenklippen jetzt ganz frei stehen.

Nach dem wahrhaft prächtigen Anblick verlassen wir den Schauplatz, gehen wieder die Chaussee entlang, biegen um den Eichberg und befinden uns gleich bei der Rohmkerbrücke. Oberhalb dieser nimmt die Oker den kleinen und großen Rohmkebach auf, welche beide sehr reich an Forellen sind. Rechts an der Rohmkerbrücke befinden sich die sogenannten Marmorklippen.


Die Rohmkerbrücke & Arnsberger Klippe im Ockerthal im Harz


Nachdem die Rohmkerbrücke überschritten ist, verfolgen wir die Chaussee, welche jetzt bis Okerhütten an dem rechten Ufer sich hinschlängelt. Dicht hinter der Rohmkerbrücke treten wir in die Nähe des Okerbettes und haben rückwärts nochmals einen köstlichen Anblick der schönen Bergpartie. In ¼ Stunde kommt man zur Kistenecke. Auf diesem Felsen steht ein alter Fichtenbaum, in dem Steine ein bequemer sitz. Hier ruhen wir einige Augenblicke und erfreuen uns thalaufwärts an dieser großartigen Thalpartie, die mit Recht ein erhabenes Gegenstück des prächtigen Bodethals genannt werden kann. Unten im Thal die brausende Oker, links oberhalb die kolossalen Hutbergsklippen mit dem Mönchsstein, in der Mitte jenseits der Oker die Scheckenkopfs-Felspartien. In ¼ Stunde nach der Studentenklippe, welche ihren Namen einem Musensohn verdankt, der hier durch eine Unvorsichtigkeit hinabstürtzte und seinen Tod fand. Auf der Zinne dieses Felsvorsprungs ins Okerthal hinein hat man abermals ein prachtvolles Rundgemälde. Thalwärts rechts der Ziegenrücken, am entgegengesetzten Okerufer die Rahbergsklippen, thalaufwärts links oberhalb der Studentenklippe der Treppenstein, auf welchem früher ein Clausner gewohnt haben soll; man will daselbst noch jetzt den Altar bemerken, an dem der Clausner damals betete; dann noch viele andere Felsenpartien. Die hier befindlichen Ruheplätze und das dicht daneben an der Chaussee befindliche krystallhelle Quellwasser laden zur Erquikung und Stärkung ein, um bald darnach den nahen Ziegenrücken neu gekräftigt ersteigen zu können. Doch ehe wir dahin gelangen, passieren wir noch den Ochsenkopf, einen Felsen, unter welchen man durchgehen kann; wieder eine Aussicht ins Okerthal. Einige Schritte rechts am sogennannten Kuhscheidethal ein kleiner Wasserfall. Noch eine kurze Strecke im Thal hinunter führt rechts ein Steinweg auf den Ziegenrücken. Der etwas steile, holperige und Mühsame Weg wird aber belohnt. Thalauf- und abwärts die schaurigsten und schönsten Felsen reviere; oben im Thale erscheint die riesige Studentenklippe als kaum bemerkbarer Vorsprung; um uns ein wahres Felsenlabyrinth; Alles wirr und wüste und wild durcheinander. Hier haushohe Felsencolosse, dazwischen finstere und gefährliche Felsspalten; da auf einander gethürmte Granitwände, auf welchen wieder die Natur Felsthürme aufrichtete; dort auf einer Spitze ruhende Felsenhäupter, die durch die leiseste Berührung herunter stürzen müßten; Alles klippig und zackig und steinig, Alles grausig und wild und doch erhaben und schön! Thalabwärts die schönste Aussicht ins Land hinein mit blühenden Auen und Fluren, mit Dörfern und Meilern, mit Flüssen und Wäldern. Bei hellem Wetter sieht man sogar die Thürme von Braunschweig. Leider hat der Ziegenrücken viel durch Hinwegschaffung und zuletzt durch Absorengung großer Felsstücke verloren. Durch einen früheren Vertrag, vor Anlage der Braunschweig-Harzburger Eisenbahn, bekam die Direction derselben von der Braunschweigischen Regierung die Erlaubniß zu Baulichkeiten in ihrem Nutzen verwerten zu dürfen. In Folge dieses vertrages ging die benutzung der Granitfelsen im Okerthal in die Hände zweier Mauermeister in Braunschweig über, diese legten eine Schmiede daselbst an und haben seit 8-10 Jahren nicht allein fast sämmtliche im Eingange des Okerthales lageernde Granitkolosse hinwegschaffen lassen, sondern auch jetzt die oben auf dem Ziegenrücken seit undenklichen Zeiten unberührt gebliebenen Granitmauern dermaßen angegriffen, daß man voraussieht, mit der Zeit wird das Okerthal dieses Schmuckes ganz entkleidet werden. Die Steine sind nach Magdeburg, Wittenberge a.d. Elbe, nach Dürschau und wer weiß wohin gesandt und verkauft. Hoffentlich wird dieses hier bald aufhören, da man künftig die Granitsteine aus den Nebenthälern zu nehmen beabsichtigt. Steigen wir wieder hinunter auf die Chaussee, so findet man den letzten Anblick thalaufwärts und in das ungeheuer tiefe Okerthal mit uns hinweg. Nach kurzem Gange befinden wir uns am Ende des Thals. Beim Ausgange einige Schritte links von der Chaussee besuchen wir noch das Wehr der Oker, über welches der Fluß hingleitet und einen kleinen Wasserfall bildet. Im Hintergrunde links sehen wir zuerst Breitenstein, dann den Ziegenrücken mit seinen weißen Felsenriesen, in der Mitte den Kahberg, rechts das Lindethal mit dem Bratstein. Ein hüpsches Bild!


Wir kehren um, gelangen auf dem Graben nach der Messinghütte und gehen über die Okerbrücke zum freundlichen Gasthof des Herrn Lüer. Gute Speise und Getränke geben uns dort bald die verlorenen Kräfte wieder. Und gewiß jeder Reisende, der das Okerthal so besuchte und so besah, wird sicher eine Erinnerung aus ihm mit von hinnen nehmen, die sich so leicht nicht verwischt!" 



Es mag gut sein, dass dieser Reisebericht einen zusätzlichen Impuls zur Wahl des Ortes für einen zu errichtenden Jagdsitz darstellte, eignet sich dieser doch vortrefflich dazu!

Der lobend erwähnte "Herr Lüer" sollte später für die Beköstigung der Gäste des neu zu gründenden Jagdsitzes Romkerhall Sorge tragen!

Die "Rohmkerbrücke" wird zu einem späteren Kapitel eine unnötige, traurige Wandlung nehmen...




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