Romkerhall
Geschichte der Königlich- Hannoveranischen- Kammergut- Staatsdomäne Romkerhall

24. Juni.


Hierdurch eröffnete sich dei Aussicht, daß man ohne Zeitverlust und vielleicht ohne alle Opfer den Besitz Eisenach's sich sichern könne, welches ohnehin bis dahin, daß man in jener Richtung bedeutende feindliche Streitkräfte vermuthet hatte, das Operations-Object gewesen war. Ein rascher Entschluß bezwecke daher, die Brigade Bülow sofort von Oster-Behringen nach Eisenach zu werfen, wenn dies gelänge, die übrigen Brigaden nachrücken und nur die Brigade Knesebeck zur Demonstration gegen Gotha vor Langensalza einstweilen zurück zu lassen. Die entsprechenden Bewegungen der Brigade Bülow wurden am 24. Juni Morgens früh durch den Oberstlieutenant Rudorff vom Generalstabe an Ort und Stelle persönlich eingeleitet.

Zu gleicher Zeit versammelten sich die Brigaden Knesebeck, de Baur und Botnmer mit der Reserve-Artillerie in der für den Vormarsch nach Gotha befohlenen Rendevousstellung vor dem südlichen Ausgange von Langensalza.

Bald darauf kehrte der Major von Jacobi aus Gotha mit Nachrichten zurück, welche eine längere Berathung im Hauptquartiere Seiner Majestät des Königs, an welcher der commandirende General Theil nahm, zur Folge hatten. Aus den in Gotha empfangenen Eindrücken und Mittheilungen hatte der Major die Ueberzeugung gewonnen, daß eine bedeutende Truppenmacht in günstiger Stellung dort vereinigt sei, um der Armee den Durchbruch nach dem Süden zu verwehren. Namentlich sollte nach einer Privat-Nachricht, die er vernommen, auch die Division Goeben bereits aus Hannover per Eisenbahn bei Gotha eingetroffen sein. Officiell waren dem Major, auf die bestimmte Zurückweisung der geforderten Waffenstreckung, Bedingungen mitgetheilt, welche Preußen für eine Capitulation der hannoverschen Truppen anbot und welche auf eine Auflösung der Armee in Göttingen abzielten. Dagegen war seinerseits, durch directe telegraphische Correspondenz mit dem General-Lieutenant von Moltke, das Verfahren ausgesprochen, daß der hanno'verschen Armee ein Weg nach dem Süden Deutschlands geöffnet werden möge, wo sie längere Zeit den Feindseligkeiten fern bleiben könnte. Die Idee, freien Abzug für die Armee nach dem Süden zu fordern, gegen die Verpflichtung, eine gewisse Zeit (etwa 6 - 8 Wochen) an den Feindseligkeiten gegen Preußen nicht Theil zu nehmen, war nämlich vor der Abfertigung des Majors von Jacobi zu seiner Mission in einer Conferenz bei Seiner Majestät dem Könige bereits erwogen und für zweckmäßig erachtet, wobei man von der Voraussetzung ausging, daß die Armee nach ihrem Eintreffen im südlichen Deutschland gewiß 6 - 8 Wochen zur Herstellung einer vollständigen Operationsfähigkeit bedurfte. Eine entscheidende Antwort auf diesen Antrag war, als der Major Gotha verließ, um nach Langensalza zurückzukehren, noch nicht erfolgt, aber in nahe Aussicht gestellt.

Das Resultat der hierauf bezüglichen bei Seiner Majestät dem Könige abgehaltenen Berathung war, daß mit dem Major von Jacobi etwa um 7 1/2 Uhr Morgens der General-Adjutant Oberst Dammers zur Fortführung der von dem erstgenannten Officiere angeknüpften Unterhandlungen nach Gotha abgesandt wurde.

Um den gehofften günstigen Ausgang dieser Unterhandlungen nicht durch Feindseligkeiten zu beeinträchtigen, wurden die bei Langensalza vereinigten Truppen in die Cantonements vom vorigen Tage entlassen und ein gleicher Befehl auch der Brigade Bülow zugeschickt.

Diese Brigade stand noch in concentrirter Bereitschaftsstellung zwischen Groß- und Oster-Behringen, weil sie in Veranlassung der Rückkehr des Majors von Jacobi nach Langensalza aus dem Hauptquartiere den Befehl erhalten hatte, ihr Vorrücken gegen Eisenach einstweilen zu sistiren. Oberstlieutenant Rudorff war trotzdem auf eigene Verantwortung mit der Schwadron Kettler des Kronprinz-Dragoner-Regiments dorthin geeilt, weil bei der entscheidenden Wichtigkeit, welche der Besitz Eisenachs nach seiner Ueberzeugung für die Armee hatte, jeder Zeitverlust ihm verhängnißvoll erschien.

Bein vorreiten durch das Dorf Stockhausen wurde eine feindliche Patrouille entdeckt, und es glückte, einen preußischen Grenadier zum Gefangenen zu machen, von dem man erfuhr, daß Eisenach zur Zeit von zwei, am vorhergehenden Tage eingetroffenen Bataillonen des 4. Garde-Regiments besetzt sei *)

*) Die beiden Bataillone waren kurze Zeit nachher, nachdem die Patrouille des Königin-Husaren-Regiments Eisenach verlassen hatte, per Eisenbahn dort eingetroffen.

Oberstlieutenant Rudorff tritt darauf als Parlamenär bis zu der noch etwa 1/4 Stunde entfernten Feldwache vor, erlangte eine Unterredung mit dem Commandeur des Regiments Oberst Osten-Sacken, eröffnete demselben, daß 6000 Mann mit 12 Geschützen bereit ständen, sich in den Besitz von Eisenach zu setzen, und forderte ihn auf, um unnützes Blutvergießen zu vermeiden und den Einwohnern ein Bombardement zu ersparen, vor so bedeutender Uebermacht freiwillig die Stadt zu räumen. Obwohl der Oberst in die Uebermacht keinen Zweifel zu setzen schien und nicht in Abrede nahm, daß ihm nur jene beiden Bataillone und keine Artillerie zur Verfügung ständen, lehnte er doch die Räumumg der Stadt ohne Gegenwehr ab; worauf der Oberstlieutenant Rudorff ihm die Beantwortung für die Folgen eines solchen Entschlusseszuschob, zugleich aber erklärte, daß er ermächtigt sei, den Einwohnern eine Frist bis 3 Uhr Nachmittags zu gewähren, sich vor dem dann unvermeidlichen Bombardement in Sicherheit zu bringen. Diese Zeit von 9 Uhr Morgens bis 3 Uhr Nachmittags schien erforderlich, um zunächst die Brigade Bülow heranzubringen, sodann die Genehmigung des Angriffes im Hauptquartiere zu erwirken, und endlich auch die übrigen Brigaden gegen Eisenach in Marsch zu setzen.

Während die Schwadron Kettler das enge Defilee westlich von Stockhausen, dessen Besitz für den ersten Angriff auf Eisenach von Wichtigkeit war, trotz der drohenden Nähe der feindlichen Infanterie, besetzt hielt, eilte der Oberstlieutenant Rudorff zur Brigade Bülow zurück, und traf dort in demselben Augenblicke ein, als ihr der Befehl zuging, auf die Lagerplätze vom Abend vorher zurückzukehren. In vollkommener Würdigung der Vorstellungen des Oberstlieutenants, dessen Ueberzeugung, daß von der Entscheidung dieses Tages das Schicksal der Armee abhänge, sich nur noch befestigt hatte, erklärte sich der Oberst von Bülow bereit, ungeachtet des eben erwähnten erhaltenen Befehls, die Operation gegen Eisenach sofort aufzunehmen, den Angriff der Stadt selbst jedoch erst auf die vom Oberstlieutenant Rudorff in Aussicht gestellte, bestimmte Weisung des Höchstcommandirenden auszuführen.

Um jeden Zugang dorthin von Gotha zu verhindern, wurden sofort das 1. Bataillon 4. Infanterie-Regiments und ein Theil der Pionier-Compagnie auf Wagen, 2 Geschütze der reitenden Batterie Röttiger und 1 Schwadron Kronprinz-Dragoner unter Commando des Oberstlieutenants Knipping nach Mechterstedt dirigirt, mit der Bestimmung, diesen Ort in Besitz zu nehmen und die Eisenbahn daselbst gründlich zu zerstören.  Auch die Reserve-Cavallerie  wurde zur  Unterstützung dieser Abtheilung gegen Mechterstedt vorgeschoben. Das Groß der Brigade (4 Bataillons, 2 Schwadronen, 8 Geschütze und ein Pionier-Detachement) setzte sich um 10 Uhr in Marsch gegen Eisenach und erwartete demnächst bei Gr. Lupnitz den entscheidenden Befehl des commandirenden Generals zum Angriffe der Stadt, während die vorgeschobene Schwadron jenseits Stockhausen ihre Stellung unbehelligt vom Feinde behauptete.

Seine Majestät der König wurde durch den Oberst-Lieutenant Rudorff, nachdem letzterer bei seiner Rückkehr nach Langensalza *) erfahren, daß in Gotha unterhandelt wurde, sofort von den Verhältnissen bei Eisenach in Kenntniß gesetzt. Durch die Meldung dieses Officiers wurde es im höchsten Grade wahrscheinlich, daß der Major von Jacobi sich über die Stärke der uns gegenüberstehenden preußischen Truppen hatte täuschen lassen **) ; jedenfalls wurde aber daraus die Gewißheit gewonnen, daß die in der Depeche des Generals von Moltke behauptete Umstellung in einer solchen Weise, daß die Forderung der Waffenstreckung begründet werden konnte, keinesfalls der Wahrheit gemäß war.

*)  Oberstlieutenant Rudorff hatte mit der Schwadron Kettler um 7 1/2 Uhr Oster-Behringen verlassen und traf mit ihr um 8 1/2 Uhr jenseits Stockhausen bei den preußischen Vorposten ein. Um 9 Uhr ritt der Oberstlieutenant nach Langensalza zurück, welches er, nach einem kurzen Aufenthalte beim Obersten von Bülow in Oster-Behringen, um 10 1/2 Uhr erreichte.

**) Es befanden sich, wie sich später herausgestellt hat, am Morgen des 24. Juni in der Umgebung von Gotha höchstens 6 Bataillone (4 preußische Landwehr-Bat. und 2 Gothaische-Bat.), 2 Schwadronen und 2 - 3 Batterien. An den vorhergehenden Tagen war diese Truppen-Abtheilung, wenigstens theilweise zwischen Eisenach und Mühlhausen aufgestellt gewesen.

Seine Majestät der König befahl daher den sofortigen Abbruch der in Gotha eröffneten Unterhandlungen, zu welchem Zwecke der Rittmeister von der Wense, Garde-Husaren-Regiments, gegen 11 Uhr Vormittags an den Oberst Dammers dorthin abgesendet wurde. Der unverzügliche Vormarsch der Armee auf Eisenach und die gewaltsame Einnahme dieses Orts wurde von Seiner Majestät beschlossen, die zu diesem Zwecke vom Oberstlieutenant Rudorff bereits eingeleiteten Maßregeln in jeder Hinsicht gebilligt. Der commandirende General erhielt durch den letztgenannten Officier sodann Kenntniß von der Sachlage und den bereits getroffenen Allerhöchsten Verfügungen, denen gemäß er das noch Erforderliche sogleich anordnete.

Dem Obersten von Bülow ging daher der bestimmte Befehl zu, bis Stockhausen vorzurücken, um 3 Uhr Nachmittags durch einen Parlamentär nochmals die Räumung von Eisenach zu fordern, 1/2 Stunde Bedenkzeit zu gewähren, nach Ablauf dieser Frist aber sogleich zum Angriffe zu schreiten.

Sodann wurden folgende Dispositionen getroffen, welche bei der Ausführung durch verschiedene Umstände noch einige Abänderungen erfuhren:

1. Die Brigade de Baur in Langensalza bricht 1 1/2 Uhr Nachmittags auf, marschirt über Reichenbach und Groß-Behringen nach Eisenach, 2 Bataillone auf Wagen so rasch als möglich voraussendend.

(Da die dazu erforderliche Zahl von Wagen nicht herbeizuschaffen war, so wurden keine Mannschaften, dagegen die Tornister der sämmtlichen Bataillone gefahren.)

2. Die Brigade Bothmer in Gr. Gottern bricht 5 Uhr Nachmittags auf, marschirt über Langensalza und Reichenbach bis Groß-Behringen. Das Garde-Husaren-Regiment wird zur Brigade Knesebeck detachirt.

(Die Brigade, welche am Vormittage bereits den Marsch nach Langensalza und von dort wieder nach Gr. Gottern zurück zu machen hatte, brach erst um 6 Uhr auf, um zuvor das Abkochen zu vollenden.)

3. Von der Reserve-Artillerie schließt sich die Batterie Blumenbach der Brigade Bothmer, die Batterie von Hartmann der Brigade Knesebeck an. Munitions-Colonne und Artilleriedepot parkiren Abends 8 Uhr vor dem südlichen Ausgange von Langensalza.

Demnächst folgen diese und der Armee-Train baldthunlichst auf dem Wege nach Eisenach.

4. Die Brigade Knesebeck in Langensalza, verstärkt durch das Garde-Husaren-Regiment und die Batterie von Hartmann, bricht um 5 Uhr auf und nimmt eine Stellung bei Henningsleben und Crumbach gegen Gotha, die Vortruppen möglichst weit vorschiebend.

Nach erfolgter Einnahme von Eisenach bricht sie am nächsten Morgen 5 Uhr aus dieser Stellung auf, um der übrigen Armee dorthin zu folgen. Bis dahin dienen ihr die Brigade Bothmer und die Reserve-Cavallerie für den Fall eines überlegenen Angriffs aus der Richtung von Gotha zur Unterstützung und Aufnahme.

Als der commandirende General mit seinem Stabe gegen 3 Uhr Nachmittags Langensalza verließ, um sich zur Brigade Bülow zu begeben, war der Oberst Dammers schon seit einer Stunde von Gotha zurückgekehrt und hatte den Abbruch der dortigen Unterhandlung gemeldet. Aus verschiedenen Beobachtungen, die derselbe auf dem Wege nach Gotha zu machen Gelegenheit hatte, war es ihm zur Gewißheit geworden, daß der Feind auch hier bislang nur über schwache Streitkräfte verfügte und daher Zeit zu gewinnen suchte.  Er hatte diese Wahrnehmungen auch sogleich durch den ihn begleitenden Hauptmann Krause vom Generalstabe Seiner Majestät dem Könige mündlich mittheilen, und die sofortige Aufnahme der wegen der Unterhandlungen am Morgen sistirten Unternehmung gegen Eisenach dringend empfehlen lassen. Diese Mittheilung hatte Seine Majestät der König allerdings erst erhalten, als der Beschluß zu jenem Vorgehen in Folge der Berichterstattung des Oberstlieutenant Rudorff schon gefaßt war. Der Oberst Dammers war bei solchem Stande der Dinge schon vor der Ankunft des Rittmeisters von der Wense von Gotha abgereist, nachdem die dort mit dem regierenden Herzoge gepflogene Verhandlung zur Absendung eines Telegramms nach Berlin geführt hatte, welches freien Abzug der hannover'schen Armee nach dem Süden unter der Bedingung, während eines Jahres nicht gegen Preußen zu fechten, vorschlug *).

*) Bei den Verhandlungen in Gotha war die Bedingung nicht gegen Preußen zu dienen, gegen die bestimmt ausgesprochene Intention Seiner Majestät des Königs von 6 - 8 Wochen bis auf ein Jahr ausgedehnt. Da jedoch bevor auf diesen Vorschlag eine Antwort aus Berlin erfolgte der Befehl Seiner Majestät des Königs die Verhandlungen sofort abzubrechen in Gotha eintraf, so verlor dieser Umstand thatsächlich allerdings an Wichtigkeit.

Den Major von Jacobi hatte er in Gotha zurückgelassen, um den durch ein Telegramm von Berlin angekündigten General-Adjutanten Seiner Majestät des Königs von Preußen Generallieutenant von Alvensleben daselbst zu erwarten und ins hannover'sche Hauptquartier zu geleiten, auch etwa bis dahin aus Berlin noch eingehende Telegramme in Bezug auf die schwebende Angelegenheiten ad referendum zu nehmen. Als daher der Rittmeister von der Wense nicht weit von dieser Stadt dem Obersten Dammers begegnete und den Befehl Seiner Majestät des Königs zum Abbruch aller Unterhandlungen eröffnete, wurde er von diesem beauftragt, dem Major von Jacobi diesen Befehl zu überbringen und ihn zu sofortiger Rückkehr in das Hauptquartier der Armee aufzufordern. Dieser Befehl wurde dem Major von Jacobi durch den Rittmeister v. d. Wense vor Eingang einer Antwort von Berlin ausgerichtet und ersterer auch in vertraulicher Weise von der beabsichtigten Unternehmung gegen Eisenach und der militärischen Lage daselbst durch den Rittmeister in Kenntniß gesetzt.

Inzwischen war die Unternehmung gegen Eisenach ihrer Entscheidung nahe gerückt.

Die Truppen unter dem Befehle des Oberstlieutenants Knipping hatten sich Mechterstedts bemächtigt und unterhielten gegen feindliche Infanterie, welche aus der Richtung von Eisenach gegen sie Front machte, ein Tirailleurgefecht, nachdem von der Pionier-Abtheilung die Zerstörung der Eisenbahn und des Telegraphen bereits bewerkstelligt war. Das Gefecht war ohne erhebliche Verluste *) schon einige Zeit im Gange, als dem commandirenden Officier vom benachbarten Bahnhofe in Fröttstedt aus ein Telegramm des Majors von Jacobi aus Gotha des Inhalts zugestellt wurde, daß Feindseligkeiten zu vermeiden seien, nachdem die in den Verhandlungen von Hannover gestellten Bedingungen preußischerseits Annahme gefunden hätten **).

*) In dem Gefechte wurden vom 1. Bataillon, 4. Infanterie-Regiments, 1 Mann getötet, Hauptmann Hartmann und 4 Mann verwundet.

**) Es ist noch nicht völlig aufgeklärt, in Folge welcher Umstände die Unterhandlungen in Gotha, gegen alle Erwartungen und dem Willen Seiner Majestät des Königs zuwider, noch nicht abgebrochen waren, und wie daher der Major von Jacobi zur Inhidirung des Gefechts durch die fragliche Depeche veranlaßt werden konnte. Eine bereits eingeleitete gerichtliche Untersuchung über jene Vorgänge wird das wünschenswerthe Licht darüber verbreiten.

/ Anmerkung des Verfassers dieser Internetseite: Für die detailierten Vorgänge und die Klärung des Vorgangs, insbesondere der Rolle des Herzoges von Gotha in diesem Vorgang verweise ich zur Klärung auf: Onno Klopp: Rückblick auf die preußische Annexion des Königreiches Hannover. / (Ottermanns)

Der Oberstlieutenant Knipping verabredete hierauf mit dem Commandirenden der ihm gegenüberstehenden Truppen vorläufige Einstellung der Feindseligkeiten unter Behauptung der gewonnenen Stellung. Mit dem Telegramm aber war der Lieutenant von Oldershausen der Garde du Corps, welcher als Parlamentär dasselbe dem preußischen Befehlshaber vorzuzeigen hatte, von diesem sofort per Eisenbahn nach Eisenach befördert worden. Der Lieutenant von Oldershausen kam dort genau zu der Zeit an, als von Seiten der Brigade Bülow der Hauptmann Grumbrecht vom Generalstabe sich als Parlamentär bei dem Obersten von Osten-Sacken befand, um dessen letzte Erklärung in Betreff einer freiwilligen Räumung abzuwarten und als bereits die Hälfte der bewilligten halbstündigen Frist abgelaufen war. Die Truppen des Obersten von Bülow standen zum Angriff bereit, die Geschütze in Position, um das Feuer gegen die Zugänge der Stadt zu eröffnen.

Hauptmann Grumbrecht überbrachte die Depeche des Majors von Jacobi und eine andere, in welcher gegen 12 1/2 Uhr Mittags dem Obersten von Osten-Sacken aus Gotha die bevorstehende Ankunft eines General-Adjutanten Seiner Majestät des Königs von Preußen "zur Entgegennahme der Befehle Seiner Majestät des Königs von Hannover" angezeigt war, dem Obersten Bülow. Dieser legte die Frage, ob unter solchen Umständen der befohlene Angriff auf Eisenach noch ausgeführt werden dürfte, einem aus den Abtheilungs-Commandeuren &c. der Brigade gebildeten Kriegsrathe vor, welcher, - da der thatsächliche Inhalt des Telegramms ebenso wenig wie die Autorisation des Majors Jacobi zu einem so bedeutungsvollen Schritte schien angezweifelt werden zu können, - sich einstimmig dahin erklärte, daß von dem Angriffe abzusehen sei. Dem entsprechend faßte der Oberst von Bülow seinen Entschluß. Da aber nach allen Umständen, soweit sie hier bekannt waren, nun auch nicht mehr bezweifelt wurde, daß ein förmlicher allgemeiner Waffenstillstand unmittelbar bevorstehe, so fand sich der Oberst ferner veranlaßt, um seinen ermüdeten Truppen für die nächste Nacht unbedingte Ruhe zu sichern, mit dem Obersten von Osten-Sacken einen partiellen (die vor Eisenach sich gegenüberstehenden Truppen einschließenden) Waffenstillstand einzugehen. Die Dauer desselben wurde bis zum nächsten Morgen 8 Uhr bestimmt, dreistündige Kündigungsfrist verabredet und die Stellung der Vorposten nach den beiderseitig eingenommenen Positionen regulirt. Der Abschluß dieses Abkommens erfolgte kurz vor 7 Uhr abend, worauf die Truppen sogleich in die für sie bestimmten Nachtstellungen zurückgezogen wurden.

Als daher der commandirende General mit der Erwartung, Eisenach sei genommen, gegen 8 Uhr Abends auf jenem Puncte erschien, sah er sich einer vollendeten Thatsache gegenüber, welche seinen Plan vereitelte, den Absichten Seiner Majestät des Königs widersprach, aber in welche noch einzugreifen sowohl der Abschluß des Waffenstillstandes, als auch die einbrechende Nacht ihn verhinderte.

Die Armee nahm demnach in der NAcht vom 24. zum 25. Juni folgende Stellung ein:

Brigade Bülow mit dem Gros in Stockhausen und Groß-Lupnitz, ihre Avantgarde im Bivouac vor Eisenach; das Detachement unter Oberstlieutenant Knipping mit der Reserve-Cavallerie im Bivouac bei Mechterstedt;

Brigade de Baur in Hayna, Friedrichswerth und Wolfs-Behringen;

Brigade Bothmer im Bivouac bei Groß-Behringen,

Brigade Knesebeck im Bivouac bei Henningsleben und Crumbach, mit Vortruppen zwischen Tüngeda und Graefen-Tonna (in unmittelbarer Nähe des Feindes, welcher am Nachmittage mit geschlossener Infanterie aus Burg-Tonna eine Patrouille des Königin-Husaren-Regiments beschossen hatte);

Munitions-Colonne und Artillerie-Depot der Reserve-Artillerie: Bivouac bei Reichenbach;

Armee-Train: Oster-Behringen;

Arriergarde: Langensalza. - 3 Compagnien des 1. Jäger-Bataillons unter Oberst von der Decken waren, von der Arriergarde getrennt, die nun unter Oberstlieutenant Graf Kielmansegge nur noch aus 2 Schwadronen und 1 Compagnie bestand, in der rechten Flanke der Armee von Mühlhausen ab über Langula und Mihla nach Uetterode marschirt, hatten bis Kreuzberg an der Werra ihre Beobachtung ausgedehnt und stießen dann über Neukirchen (in dessen Nähe der Premier-Lieutenant und Adjutant von Linsingen von einer feindlichen Patrouille erschossen wurde), Berterode und Hötzelsrode in der Nacht vom 24. zum 25. Juni bei Stockhausen wieder zur Armee.


Fortsetzung des officiellen Kriegsberichtes: 25. Juni



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