Romkerhall
Geschichte der Königlich- Hannoveranischen- Kammergut- Staatsdomäne Romkerhall

A.

Organisations- und Vertheidigungs-Maßregeln der Armee in ihrer Stellung bei Göttingen vom 17. bis 20. Juni 1866.



Während vom 16. zum 17. Juni die Vereinigung der Armee bei Göttingen  rasche Fortschritte machte, vollzog sich ein Wechsel in den leitenden Persönlichkeiten, indem an die Stelle der General-Lieutenants von Tschirschnitz und von Sichart der Oberst Dammers als General-Adjutant, der Oberst Cordemann als Chef des Generalstabes trat. Gleichzeitig wurden mehrere ältere Generale in den Ruhestand versetzt, und das Commando über die nun in ihrem ganzen Umfange als mobil aufzustellende Armee dem General-Lieutenant von Arentschildt, bisherigen Commandeur der 2. Infanterie-Brigade, übertragen.

Diese Ernennungen wurden am 17. Juni publicirt. Dann erst konnte die Bildung des Hauptquartiers der Armee erfolgen, dessen Zusammensetzung, wie überhaupt die formelle und personelle Organisation der mobilen Armee aus den in den Anlagen 2 und 3 beiligenden General-Ordres vom 17. und 18. Juni ersichtlich ist.

Ein geordneter Geschäftsbetrieb des Armee-Commando's konnte daher vor dem 18. Juni nicht eintreten, und von diesem Tage datirt sowohl die Ansprache (Anlage 4), mit welcher der Geberal von Arentschildt den Truppen die Uebernahme des Oberbefehls von seiner Seite bekannt machte, als auch der erste von ihm erlassene Armee-Befehl (Anlage 5).

Die bestehende Armee-Eintheilung in Divisionen und Brigaden der einzelnen Waffengattungen war mit dem 17. Juni suspendirt, und es trat als Feld-Formation an deren Stelle eine Gliederung der Armee in 5 selbstständige Brigaden, indem die 4 leichten Cavallerie-Regimenter den 4 Infanterie-Brigaden zugetheilt wurden, und nur die beiden schweren Cavallerie-Regimenter als "Reserve-Cavallerie" auch ferner eine besondere Brigade bildeten. Der Artillerie und den nichtstreitbaren Truppenkörpern fehlte, um sofort darüber disponiren zu können, noch die nothwendige Organisation.

Der neuen Eintheilung entsprechend und mit Rücksicht auf die tatsächliche Situation der Armee wurden die Truppen, denen bis dahin nur nach Maßgabe ihres Eintreffens und der örtlichen Verhältnisse vorübergehende Cantonnements angewiesen waren, am 18. Juni so dislocirt, wie die Anlage 6 es nachweist. Hier strömten ihnen in den nächsten Tagen noch etwa 3000 Beurlaubte zu, die auf die Kunde von der Zusammenziehung der Armee vor dem eindringenden Feinde überall die Heimat verließen, um noch vor dem ihnen gestellten Termine und vielfach mit Ueberwindung von Hindernissen und Gefahren ihre Abtheilungen zu erreichen. Ein freudiger Geist der hingebendsten Pflichttreue, wie in den schönsten Tagen der hannoverschen Kriegsgeschichte, erfüllte die Truppen. Dadurch zeigten sie sich einer Aufgabe gewachsen, die schwieriger nicht leicht einem Heere gestellt worden sein mag.

Es kam nun vor Allem darauf an, mit den vorhandenen Mitteln innerhalb 2 - 3 Tagen, welche man hoffen durfte noch vom Feinde unbelästigt zu bleiben, die Armee so weit als möglich schlagfertig und wenigstens nothdürftig operationsfähig zu machen. Daß man bei so drängenden Umständen und fehlenden Hülsmitteln, vor Allem bei dem Mangel an Pferden, nicht entfernt an die bestehenden Ausrüstungs-Vorschriften und Mobilmachungsetats sich halten konnte, bedarf wohl kaum einer Erwähnung.

Die Infanterie hatte sich, als sie den Befehl zu sofortigem Aufbruche in's Göttingen'sche erhielt, in sehr verschiedenen Verhältnissen befunden. Einige Bataillone (4. und 7. Infanterie-Regiment) waren daher nur mit demjenigen versehen, was sie nach den für die Uebungsmärsche erlassenen Bestimmungen bei sich führten. Die Mehrzahl dagegen hatte in der Eile von ihren Vorräthen an Waffen, Mondirungen und Feldrequisiten noch mehr oder weniger retten können. Aus diesen Vorräthen und vor allem demjenigen, was nicht vollständig organisirt war, wurden bataillonsweise in den am 18. Juni bezogenen Cantonnements Depots mit den nothwendigen Chargen gebildet, und so die Bataillone in ihrem gefechtsfähigen Bestande zu sofortiger taktischer Verwendung bereit gemacht. Bei den Depots erfolgte sodann die Ausrüstung der Beurlaubten, auch einzelner Freiwilliger, deren Annahme für die Dauer des Feldzuges allen Abtheilungen (zufolge General-Ordre vom 20. Juni) gestattet wurde. Es wurde von dort auch Manches an diejenigen Bataillone abgegeben, die zur Ergänzung ihrer Ausrüstung und zur Einkleidung von Beurlaubten eigene Mittel nicht hatten.

Die Taschen-Munition bei allen Bataillonen wurde aus dem nach Göttingen geretteten Munitions-Bestande ergänzt; ein Theil der Bataillone konnte auch mit dem ordonnancirten Munitionswagen, andere mit einiger auf dem Bagage-Fuhrwerk zu transportirender Reserve-Munition versehen werden. Die Bataillone des 4. und 7. Regiments, welche mit noch ungeänderten Pickelgewehren ausgerückt waren, führten eine besondere Munition und waren damit schwächer als die übrigen Bataillone versehen. Zum Transport der Bagage hatten die meisten Bataillone ihre Stabs- und Compagnie-Wagen und damit auch ihre Koch- und Lagergeräthe. Die übrigen mußten ihre Bagage auf permanenten Kriegerfuhren fortschaffen. Eine Train-Bespannung war für das gesammte Fuhrwesen der Infanterie nicht vorhanden und auch nicht mehr zu beschaffen. Nur ein einziger berittener Train-Unterofficier konnte für jede Brigade zur Führung der Bagage-Colonne disponibel gemacht werden.

Durch den Zugang Beurlaubter, deren mehrere auch später noch immer auf dem Marsche durch das Preußische zu ihren Corps stießen, wuchs die Stärke der Bataillone an Soldaten bis auf durchschnittlich fast 700 Mann. Die einzelnen Bataillone variirten indeß erheblich zwischen dem Minimum von kaum 450 und dem Maximum von etwa 900 Mann. Die Bataillone des 4. und 7. Regiments, deren Depots mit sämmtlichen Recruten in Stade und Osnabrück zurückgeblieben waren, hatten den geringsten Bestand; den größten dagegen die beiden Bataillone des 3. Regiments, das 1., 2. und 3. Jäger-Bataillon, deren Aushebungs-Districte dem Sammelplatze der Armee am nächsten lagen. Mit Entschluß der durch 51 Beförderungen von Portepée-Fähnrichs und Cadetten vermehrten Officiere, der Unterofficiere und Spielleute belief sich die Gesammtzahl der als gefechtsfähig zu betrachtenden Infanterie beim Beginn der Operationen auf etwa 15.000 Mann, darunter jedoch 2000 erst vor 2 Monaten eingestellte, kaum halb ausgebildete Recruten.

Die Cavallerie war durch ihre Verhältnisse, indem die Mannschaft schon seit 2 - 3 Monaten zur Exercierzeit mit den Pferden im Dienste war, auf die plötzliche Eröffnung eines Feldzuges noch am Besten vorbereitet. Von dem schwachen Pferde-Bestande abgesehen, fehlte ihr zur Mobilisirung nur der Train, sowie Koch- und Campir-Geräthe, welche mit den betreffenden Fuhrwerken im Zeughause zu Hannover zurückgeblieben waren. Die Cavallerie war daher mit ihrer Bagage lediglich auf Kriegerfuhren angewiesen. Der Bagage fielen auch die unberittenen, von Urlaub eingekommenen Reservisten zu, deren reichlich 200 übrig blieben, nachdem einige noch mit angekauften Pferden, mehrere andere nachher auf dem Marsche mit erbeuteten preußischenCavallerie-Pferden hatten beritten gemacht werden können. Der Bestand der Regimenter an Königlichen Pferden, einschließlich der Remonten, schwankte zwischen 350 und 375; nur das Königin-Husaren-Regiment war nicht über 300 Königl. Pferde stark. Daraus ergibt sich als Gesammtstärke der Cavallerie bei Eröffnung der Operationen (mit Einrechnung der Chargenpferde der Officiere) die Zahl von etwa 2200 Pferden, wovon fast 8000 Pferde auf die Reserve-Cavallerie-Brigade kommen.

Um die Artillerie in so kurz bemessener Frist mit einer der Stärke der Armee einigermaßen angemessenen Geschützzahl für den Felddienst verwendbar zu machen, bedurfte es ganz ungewöhnlicher Leistungen dieser Waffen-Gattung. Ueber die hierauf bezüglichen Organisations-Arbeiten, welche, nach Anordnung des mit dem Commando der Feldartillerie vertrauten Obersten von Stoltzenberg, mit ebensoviel Umsicht als Energie durch den Major Hartmann der Artillerie geleistet wurden, ist ein Specialbericht entworfen, der die hervorragende Thätigkeit der Artillerie während jener Tagein ihrem vollen Lichte erkennen läßt, und der daher als (Anlage 7) diesem Berichte beigefügt ist.

Man brachte es so weit, 8 Batterien mit 42 Geschützen aufzustellen, nämlich:

2 reitende Batterien zu 4 kurzen 12-Pfünder Kanonen,

3 Fuß-Batterien zu 6 gezogenen 6-Pfünder Kanonen,

1 Fuß-Batterie von 4 gezogenen 6-Pfünder Kanonen,

1 Fuß-Batterie von 6 leichten 12-Pfünder Kanonen, und

1 Fuß-Batterie von 6 24-Pfünder Haubitzen

Die 5 erstgenannten Batterien (26 Geschütze) waren mit den Pferden des Friedens-Etats bespannt, aus den Compagnien, welche in der Exercierzeit begriffen waren, gebildet, und noch vor dem Ausrücken aus den Garnisonen mit Munition und sonstiger Feldausrüstung versehen. Sie waren deshalb völlig gefechtstüchtig und manövrirfähig, jedoch an Fuhrwerken, Mannschaft und Pferden &c. nur mit der Hälfte, resp. 2/3, des normalen Feld-Etats ausgestattet.

Die 3 zuletzt erwähnten Batterien (16 Geschütze) wurden in ähnlicher Stärke mit theils ausgehobenen, theils frei angekauften Pferden binnen 2 Tagen in Göttingen erst organisirt und vorzugsweise mit der Mannschaft der 6., 5. und 2. Fuß-Compagnie besetzt. Auch diese Batterien hatten in Bezug auf Munition und sonstige Ausrüstung völlig gefechtsfähig hergestellt werden können; ihre Manövrirfähigkeit aber war bei der schwachen Bespannung der schweren Geschütze, bei dem Zustande sämmtlicher Zugpferde, welche gänzlich ungeübt und zum Theil in schlechter Condition waren, und dem Mangel an Reitpferden für eine genügende Zahl von Unterofficieren &c. nur eine beschränkte.

Sobald die Organisation weit genug vorgeschritten war, wurde über die Batterien in der Weise disponirt, daß 5 den Infanterie-Brigaden permanent zugetheilt, die übrigen 3 aber als "Reserve-Artillerie" unter den Befehl des Majors Hartmann gestellt wurden. Demnach kamen:

zur 1. Brigade die 5. Fuß-Batterie (12-Pfünder) Meyer,

zur 2. Brigade die 9. (gezogene) Fuß-Batterie Laves,

zur 3. Brigade die 4. (gezogene) Fuß-Batterie Eggers,

zur 4. Brigade die 1. reitende Batterie Mertens, und die

6. (gezogene) Fuß-Batterie Müller (4 Geschütze).

Die Reserve-Artillerie bildeten:

die 2. reitende Batterie Röttiger,

die 2. (Haubitz-) Fuß-Batterie von Hartmann und

die 3. (gezogene) Fuß-Batterie Blumenbach.

Aus dem noch verfügbaren Reste der Artillerie wurden dann am 20. Juni, als der abmarsch nach Süden für den folgenden Tag beschlossen war, noch folgende Abtheilungen zusammengesetzt:

1. eine Munitions-Colonne, aus der 2. Park-Companie unter Hauptmann von Stotzenberg gebildet und mit Vorspann-Pferden bespannt, von 40 Fuhrwerken mit Artillerie- und Infanterie-Munition und einigem Ersatz-Ausrüstungs-Material;

2. ein bewegliches Artillerie-Depot unter Befehl des Hauptmanns Comperl, in welchem alle nicht zur Verwendung gekommenen Artillerie-Mannschaften, einschließlich der Recruten, vereinigt und dem auch die Handwerker-Compagnie attachirt wurde. Diese Abtheilung belief sich auf etwa 600 Köpfe, während die Zahl der in den organisirten Abtheilungen verwendeten Mannschaften mit Einschluß der Chargen etwa 1200 betrug.

Diesem Depot wurde ein Park von von 10 Reserve-Schützen übergeben, deren Protzen mit Muniton ausgerüstet waren, so daß sie eintretenden Falles auch als Positionsgeschütze hätten verwendet werden können. Dieselben waren mit 24 Pferden des Königlichen Marstalls bespannt und wurden von Stallbedienten gefahren.

Noch 6 andere mittelst Vorspann transportable Geschütze und was von dem vorhandenen Armee-Material noch auf verfügbare Armee-Fuhrwerke verladen werden konnte, erhielt der Armee-Train zur Fortschaffung überwiesen. Der übrig bleibende, noch immer bedeutende Rest wurde aufgegeben, und demnächst beim Abmarsche in göttingen zurückgelassen.

Das Armee-Fuhrwesen auch nur in den wichtigsten Zweigen militärisch zu organisiren, fehlte es, wie an Zeit, so an allen Mitteln, an Mannschaft, zumeist an Pferden. Der geringe Etat des Traincorps-Stammes von 60 Pferden konnte in Göttingen kaum um 40 Pferde noch vermehrt werden, und dieser Bestand reichte eben hin, den Train der Sanitäts-Compagnie zu formiren, die für die Officiere und Unteroffiviere des Train-Corps selbst beritten zu machen.

Nach Abgabe des Trains der Sanitäts-Compagnie und der zum Armee-Hauptquartier, zu den Brigade-Stäben und zum Ingenieur-Corps commandirten Train-Corps ausgebildeten Infanterie-Corporalen, für den Armee-Train in Ganzen 4 Officiere und 21 Unterofficiere übrig, außerdem die Recruten des Train-Stammes und einige von Urlaub eingetroffene Trainsoldaten, welche Mannschaften übrigens, da alle Militärfuhrwerke des Armee-Trains mit Vorspann-Pferden bespannt und derselbe im Uebringen lediglich aus Kriegerfuhren zusammengesetzt werden mußte, auch nur aushülfsweise Verwendung finden konnten.

Der zum Aufbruche von Göttingen gebildete "Armee-Train" unter Commando des Rittmeisters Marckstadt bestand demnach, außer den aufgeführten Chargen und Mannschaften, nur aus unmilitärischen Elementen und vereinigte in sich:

die vom Artillerie- und Armee-Material-Depot überwiesenen Geschütze und beladenen Militär-Fuhrwerke,

den aus 27 Fuhrwerken bestehenden Ponton-Train des Ingenieur-Corps,

die nur durch Kriegerfuhren gebildete Proviant-Colonne,

die als lebender eiserner Bestand mitzuführende Ochsenheerde, und

eine anzahl disponibler, hauptsächlich den Zwecken des Commissariats dienender Kriegerfuhren.

Die Organisation einer Armee-Intendanur war vor dem Eintritte der kriegerischen Ereignisse ebenso wenig, wie alles Uebrige, vorbereitet, und diese konnte daher im ersten Augenblicke vom KöniglichenKriegs-Ministerium nur mit dem Nothwendigsten Bureau- und Casse-Personale, zum Glück wenigstens auch mit einem dem nächsten Bedürfnisse genügenden Geldvorrathe ausgestattet werden. In Göttingen fand sich aber weder die Zeit, noch die Gelegenheit, ein ausreichendes Personal an routinirten Commissariats-Beamten und Magazin-Officianten zu engagiren, - ein Mangel, der an den später für die Truppen sehr fühlbar gewordenen Verpflegungsschwierigkeiten nicht ohne Antheil war.

In den Cantonnements bei Göttingen wurde der Unterhalt der Truppen durch Quartier-Verpflegung beschafft. Diese machte jedoch zuletzt schon Schwierigkeiten, namentlich fehlte es an ausreichender Fourage, und einigen Truppentheilen wurde es schwer, der vom General-Commando getroffenen Anordnugen gemäß, eine eiserne Portion und Ration durch Requifition aus den Quartierorten aufzubringen. Die ersten schwachen Maßregeln eines Magazin-Empfangs von Fourage wurden in der Stadt Göttingen mit dem 19. Juni in's Werk gesetzt. Im Uebringen konnte von Seiten der Intendantur, außer einem kleinen lebenden Vieh-Bestande, vor dem Abmarsche von Göttingen nicht mehr viel zur Bildung eines mitzuführenden Reserve-Vorraths an Lebensmittel herbeigeschafft werden.

Die Medicinal-Einrichtungen der Armee waren, im Hinblick auf die Eröffnung eines Feldzuges, ebenfalls äußerst dürftig bestellt und genügten dem späteren Bedürfnisse in keiner Weise.

Allerdings wurde in der Zeit vom 18. bis 20. Juni die Sanitäts-Compagnie vollständig kriegstüchtig ausgerüstet und deren 4 Züge, behuf Vertheilung derselben an die 4 Infanterie-Brigaden, durch Zutheilung eines besonderen Arztes an jedenZug selbstständig gemacht. Außerdem aber waren zur Etablirung von Feld-Hospitälern nur geringfügige Mittel vorhanden.

Insoweit der Süden des Königreiches selbst schon der Schauplatz von Gefechten geworden wäre, waren allerdings wohl in Göttingen die nöthigen Räumlichkeiten und Einrichtungen vorhanden, auch hatten sich viele der dortigen Aerzte freiwillig zur Dienstleistung bei dort verbleibenden Hospitälern erboten. Zum wirklichen Eintreten bei der Armee für deren weitere Operationen meldeten sich jedoch fast nur einige ältere Studenten der Medicin, welche als provisorische Assistenzärzte bei den mobilen Batterien und bei den Pionier-Compagnien &c. verwendet werden konnten. Es mußten daher zum Dienst bei den Feld-Hospitälern, wie schon zur Sanitäts-Compagnie, ausschließlich Truppen-Aerzte abcommandirt werden, für welche die Truppen keinen Ersatz bekamen, so daß mit wenigen Ausnahmen bei jedem Bataillone und jedem Cavallerie-Regimente von vornherein nur 1 Arzt blieb. Dabei war die den Hospitälern zugewiesene Zahl von Aerzten für in Aussicht stehende ernstliche Gefechte durchaus nicht genügend; eine Hospital-Verwaltung war gar nicht organisirt; eben so wenig ein Hospital-Train. Alles, was in letzterer Beziehung am 20. Juni vor dem Aufbruche von Göttingen noch geschehen konnte, war, daß auf 9 verfügbaren Sanitäts-Requisiten-Wagen die aus Hannover geretteten Utensilien zu einem Feldlazareth von 200-240 Betten nebst einigem Verbandszeug &c. verladen wurden. Von diesen erhielt jeder Zug der Sanitäts-Compagnie 2 Wagen für den Marsch zugetheilt, während die Hospital-Aerzte mit dem Medicinstabe der Armee sich dem Stabe der Sanitäts-Compagnie anschlossen und mit diesem demnächst dem Hauptquartier der Armee folgten.

Mit der Ueberweisung einer Sanitäts-Abtheilung an jede der 4 Infanterie-Brigaden war die Organisation der letzteren als in sich selstständige Brigaden vollendet.

Die 3. und 4. Brigade erhielten sodann beim Abmarsch von Göttingen noch die 1. und 2. Pionier-Compagnie zugetheilt, welche bis dahin zur Ausführung verschiedener Arbeiten unter dem directen Befehle des Genie-Directors des Hauptquartiers vereinigt blieben. Der nur mit Vorspannpferden bespannte Ponton-Train beider Compagnien wurde dem Armee-Train eingereiht und nur die (in gleicher Weise bespannten) Pionier-Schanzzeug-Wagen bei den Compagnien behalten.

Für die Armee-Polizei standen nur die wenigen Gendarmen zu Gebot, welche in Göttingen und den benachbarten Aemtern stationirt waren, und von denen kaum die Hälfte beritten war. Sie wurden als Feld-Gendarmerie unter dem Befehl des Rittmeisters Hartmann zusammengezogen. Ihre Zahl war indeß zur Ausübung aller Obliegenheiten der Armee-Gendarmerie viel zu gering, - ein Mangel, der durch die Verwendung zahlreicher Cavallerie-Mannschaften zu derartigen Diensten nicht völlig ausgeglichen werden konnte.

So bis in jede Einzelheit unvollständig ausgestattet, war die Armee durch die erfolgreichen Anstrengungen dieser Tage doch soweit geordnet und in sich gekräftigt, daß es gewagt werden konnte, mit ihr in schwierige und weitgreifende Operationen einzutreten.

Ehe hiervon die Rede sein kann, muß noch nachgeholt werden, wie vom 16. bis 20. Juni das Verhältniß zum Feinde sich gestaltete, und welche Maßnahmen in der Stellung bei Göttingen für den Fall getroffen waren, daß schon vor Beendigung der nothwendigsten Organisations-Arbeiten ein feindlicher Angriff erfolgt wäre.

Noch ehe es zur Kriegserklärung gekommen war, hatten preußische Truppen die Grenzen des Königreiches überschritten, indem das in Holstein zusammengezogene Corps des General-Lieutenants von Manteuffel, - unter der Angabe, eine von der diesseitigen Regierung ertheilte Erlaubniß zur Eisenbahn-Durchfahrt nach Minden benutzen zu wollen, - am 15. Juni Nachmittags mit seiner Advantgarde unter Commando des Generalmajors von Flies Harburg besetzte. Mit Tagesanbruch am 16. Juni war die Division Goeben von Minden aus gegen Hannover in Marsch gesetzt und an diesem Tage bis Stadthagen vorgerückt. Mit dieser Division hielt General Vogel von Falckenstein, der Oberbefehlshaber der zu den Operationen gegen Hannover bestimmten beiden Heeres-Abtheilungen, am 17. Juni gegen Abend seinen Einzug in die Stadt Hannover.

Um den Feind an einer raschen Vereinigung seiner Streitkräfte zu hindern, war das gesammte Eisenbahn-Fahrmaterial, sobald es zum eigenen Truppentransporte nicht mehr erforderlich war, nach dem Süden in Sicherheit gebracht. Auch waren schon in der Nacht vom 15. zum 16. Juni zur Sicherstellung des Rückzuges unserer Truppen die Schienenstränge der Minden-Braunschweiger-Eisenbahn an den Landesgrenzen bei Peine und Wunstorf durch Pionier-Abtheilungen dazu verwendet, die Südbahn in der Ausdehnung von Nordstemmen bis südlich von Salzderhelden durch Sprengungen und sonstige an vielen Stellen bereiterte Hindernisse unfahrbar zu machen. Dies geschah mit solchem Erfolg, daß die von preußischer Seite verfügte Wiederherstellung der Fahrberkeit in der That bis Alfeld nicht vor dem 21. Morgens, bis Salzderhelden nicht vor dem 23. Abends zu ermöglichen gewesen ist.

Der Feind sah sich hierdurch bei seinem Vorrücken gegen unsere Stellung auf die Hannover-Göttinger-Straße beschränkt. Seine Vortruppen erschienen erst am 20. Juni gegen Abend bei Kreiensen, Einbeck und Salzderhelden, deren Telegraphen-Stationen bis dahin noch im diesseitigen Dienste arbeiten konnten.

Die Armee bei Göttingen hatte sich inzwischen, nachdem die Dislocation vom 18. Juni eingenommen war, mit einer Sicherheits-Atmosphäre ungeben, deren äußerste Peripherie durch Beobachtungsposten in der Gegend von Einbeck (Rotenkirchen), bei Moringen, Northeim, Oberbillingshausen, Waake, Bremke, Witzenhausen, längs der Weser bei Hemeln und Bursfelde, sowie bei Uslar gebildet wurde. Die concentrische Stellung der Armee mit dem Mittelpuncte Göttingen war darauf berechnet, gegen einen Angriff sowohl vom Norden wie vom Süden her Front machen zu können, da in letzterer Richtung ein Vorrücken der preußischen Division Beyer erwartet werden konnte, welche nach dem Abzuge der kurhessichen Truppen gegen Süden die angrenzenden hessischen Provinzen und am 19. Juni die Stadt Cassel besetzte.

NAch den ausgegebenen Dispositionen hatte die Brigade de Baur die Aufgabe, ein Vorrücken des Feindes auf der Straße von Northeim gegen Göttingen möglichst zu verhinder, vor drängender Uebermacht aber sich gegen Göttingen auf das inzwischen zu vereinigende Gros der Armee zurückzuziehen.

Eine gleiche Aufgabe hatten die Brigaden von Bothmer und von Bülow in Bezug auf die Straßen von Münden und von Witzenhausen nach Göttingen. Zur Unterstützung dieser beiden Brigaden war die zwischen ihnen dislocirte Reserve-Cavallerie berufen; die im Centrum cantonnirende Brigade von Knesebeck bildete die allgemeine Reserve.

Um den vom Süden drohenden Feind nach Möglichkeit aufzuhalten, wurde am 18. und 19. Juni die Eisenbahnstrecke zwischen Cassel und Dransfeld in ähnlicher Weise wie der früher erwähnte Theil der Südbahn durch Pioniere unfahrbar gemacht. Außerdem ließ der Generalmajor von Bothmer am 19. Juni, während er mit 1 Schwadron und 1 Compagnie Jäger bis vor Cassel recognoscirte (wo in dem Augenblicke seiner Ankunft vor der Stadt die ersten Preußen eben den Bahnhof besetzt hatten), durch die übrigen Compagnien seines Jäger-Bataillons die auf dem rechten Werra-Ufer liegende Vorstadt von Münden mit der Werra-Brücke zur Vertheidigung einrichten, auch weiter rückwärts im Schede-Thale Terrain-Verstärkungen anbringen und am nächsten Tage die Hauptposition zwischen Wellersten und Dransfeld durch Civil-Arbeiter verschanzen. Der Abschnitt bei Münden blieb durch 1 Compagnie des 3. Jäger-Bataillons nebst 1 Schwadron als Vortruppen besetzt. Auch die Brigade von Bülow mußte am 19. Juni in Folge der Nachricht von der Besetzung Cassel's eine aus dem 2. Jäger-Bataillone und 2 Schwadronen gebildete Avantgarde bis Friedland vorschieben und von dort aus das hessische Dorf Marzhausen, sowie die Leine-Uebergänge bei Reckershausen und Niedergandern mit Infanterie besetzen.

Für die Brigade de Baur war eine Gefechts-Position á cheval der Chaussee zwischen Sudheim und Nörten ausgewählt. Am 20. Juni wurden Schan-Arbeiten in derselben begonnen, aber nicht zu Ende geführt, weil am Mittage der Befehl zum Abmarsche der Armee in südlicher Richtung für den folgenden Tag ertheilt wurde. Seit dem 19. Juni standen als Avantgarde dieser Brigade 2 Compagnien des 3. Infanterie-Regiments und 1 Schwadron des Regiments Herzog von Cambridge-Dragoner unter Commando des Majors Braun in Northeim.


Fortsetzung des officiellen Kriegsberichtes: Kriegsbericht B.